Markus Wolsiffer, Liebigstr. 18, 67551 Worms +49 (151) 50 648 383 info@markus-wolsiffer.de Twitter: https://twitter.com/MarkusWolsiffer

Versuchte Einflussnahme im Journalismus

Die Medien stehen in der Kritik wie selten zuvor - zumindest gefühlt. Lesen Sie hier, warum manche Kritik möglicherweise gerechtfertigt ist. Ein Beispiel, wie Einflussnahme auch im vermeintlich kleinen Maßstab funktioniert.

Es ist schon eine Weile her, da machte mich ein Freund auf etwas aufmerksam, was mich ohnehin schon lange umtreibt: (Versuchte) Einflussnahme im Journalismus. Nicht erst seit den Beschuldigungen eines Ulfkotte ist das ein Thema. Die Schwester des besagten Freundes war gerade von einem Auslandsaufenthalt zurück: Work and travel in Australien, der Traum vieler. Nach ihrer Rückkehr dauerte es nicht lange, bis sie ein interessantes Schreiben von "Travelworks", dem Anbieter, erhielt. Ihren Namen habe ich einzig aus Datenschutzgründen unkenntlich gemacht - und nicht etwa, weil die Reisende auf den Vorschlag des Unternehmens eingegangen wäre:

Darin heißt es also:

"Kriterien für's [sic!, weitere Fehler bleiben ohne Hinweis] Mitmachen

Mit einem 50 Euro Amazon-Gutschein honoriert Travelworks, wenn Du einen Artikel von Deinem Aufent-halt veröffentlichst, der folgende Kriterien erfüllt:

Dein Bericht sollte einer mindestens lokalen Zeitung / Zeitschrift erscheinen (Tageszeitung, Wochenzei-tung, Frauenzeitschrift, Reisemagazin), darüber hinaus sollte TravelWorks namentlich und positiv erwähnt werden. Der Bericht muss mindestens 200 Wörter umfassen (natürlich gerne mehr :)) und für die Nennung unserer Website gibt es noch einmal 10 Euro extra!"

Die Sache ist eindeutig: Hier geht es um Schleichwerbung - und als Mittelsmänner und -frauen werden junge Erwachsene geködert, die gerade einen Auslandsaufenthalt hinter sich haben. Sollte der Plan aufgehen, wirbt das Unternehmen sehr günstig und profitiert noch davon, im redaktionellen Teil zu erscheinen. Die 50 oder 60 Euro sind da fast geschenkt.

Unlängst habe ich dieses Schreiben auch getwittert, es hat eine für meine (bescheidenen) Verhältnisse recht gute Resonanz erfahren. Die FAZ-Redakteurin Anna Steiner (www.anna-steiner.de / Twitterprofil, für diese Verlinkung habe ich leider keine zehn Euro erhalten) nahm das zum Anlass, der Frage nachzugehen, wie erfolgreich "Travelworks" eigentlich damit ist:

 

Es zeigt sich: "Travelworks" hat offenbar Erfolg mit dieser Methode: Ein erst wenige Tage alter Artikel der Volksstimme widmet sich dem Auslandsaufenthalt von Marie-Luise, einer jungen Frau. Darin heißt es schwärmerisch:

Das oben gezeigte Schreiben stammt aus dem Jahre 2012, der Artikel in der Volksstimme aus dem Jahre 2016 - beide beziehen sich also nicht auf denselben Auslandsaufenthalt, das grundsätzliche Muster ist aber erkennbar. Und deshalb liegt der Verdacht liegt nahe, dass Marie-Luise ein ähnliches Schreiben von "Travelworks" erhalten hat. Und bald auch einen Amazon-Gutschein. Für den Fall, dass Marie-Luise ohne jegliches Zutun von "Travelworks" so geschwärmt hat, ändert es nichts an der Tatsache, dass es Schleichwerbung bleibt.

Bei diesem eher unrühmlichen Beispiel - es lässt sich auch auf ähnliche Fälle anwenden - sind drei Protagonisten beteiligt:

1. Die Reisenden:

Ihnen kann meines Erachtens kein großer Vorwurf gemacht werden. Zwar dürfte jedem klar sein, dass "Travelworks" handfeste (legitime) ökonomische Interessen verfolgt, das Bewusstsein rund um Schleichwerbung wird bei den Heranwachsenden aber noch nicht sehr ausgeprägt sein.

2. "Travelworks":

Dazu ist eigentlich alles gesagt. Wer werben will, soll eine Anzeige schalten - und nicht junge Leute dazu instrumentalisieren.

3. Die Zeitung:

Der verantwortliche Redakteur hätte die Passage entfernen müssen - auch wenn die Reisende aus der Ich-Perspektive schreibt. Es ist völlig unerheblich, mit welchem Unternehmen jemand im Ausland war. Das ist ein Versäumnis, es schadet der Glaubwürdigkeit des Mediums - und ist Wasser auf die Mühlen der Medienskeptiker.

Fazit: Kritisch sein, Dinge hinterfragen. Darauf kommt es als Journalist mehr denn je an! Unternehmen, Verbände, Privatleute - sie alle haben eine Agenda und manchmal ist sie ganz schön gut verpackt. Leser, Zuschauer und Zuhörer haben den kritischen Blick verdient.

Update (28.03.): Die Volksstimme hat umgehend reagiert und wen werblichen Teil entfernt. Finde ich top!