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Warum mir fremde Menschen Chipstüten schenken. Oder: Empörung in der digitalen Welt

Im Internet kann’s schnell gehen. Ein falsches Wort reicht und der virtuelle Mob ist außer sich. Diese Erfahrung mussten schon viele machen – und seit wenigen Tagen gehöre ich auch dazu. Allerdings: Was sich in meinem Fall abgespielt hat, ist nicht einmal im Ansatz mit dem zu vergleichen, was andere schon erdulden mussten. Aber es hat mir gezeigt, wie die Mechanismen der digitalen Empörung wirken. Doch der Reihe nach.

Am Freitag, 30. Oktober, melden die Agenturen, dass es Neues gibt im Fall des entführten Flüchtlingsjungen Mohamed. Der Tatverdächtige habe offenbar gestanden, nicht nur Mohamed, sondern auch den verschwundenen Elias getötet zu haben. Das ist natürlich eine heftige Nachricht. Auch wir im ZDF haben umgehend über die jüngste Entwicklung berichtet und jeder weiß: da kochen die Emotionen hoch – gerade in den sozialen Netzwerken.

"Die Welt" berichtet über den Fall

Die Kollegen der „Welt“ sind dafür bekannt, besonders kreativ mit nörgelnden Nutzern umzugehen, sie lieber bloßzustellen statt mahnend den Zeigerfinger zu heben, um gebetsmühlenartig an die Netiquette zu erinnern. Deshalb war ich gespannt, wie die Redakteure speziell in diesem Fall mit den Kommentaren umgehen würden. Doch dann stutzte ich, zunächst noch nicht wegen der Kommentare. "Die Welt" schrieb:


Selbst wenn der Verdächtige die Taten eingeräumt hat, ihn so schnell als „Mörder“ zu bezeichnen, ist voreilig - so sehr man es auch ablehnt, was dieser Mensch mutmaßlich getan hat. Also kommentierte ich, stellte zwei simple Fragen:

Ich hatte mich erdreistet, die Frage zu stellen, ob der Tatverdächtige schon verurteilt wurde. War er zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht, den aufgebrachten Bürger kümmerte das aber wenig. Hier nun die gesamte Diskussion in ihrem bisherigen Verlauf, wobei einige ganz heftige Kommentare bereits gelöscht wurden. So forderte etwa ein Nutzer, dass der Tatverdächtige mich doch sexuell misshandeln möge. Die Namen der Beteiligten wurden unkenntlich gemacht, ich kann aber niemanden davon abhalten, die Facebook-Seite der "Welt" zu besuchen.

Die Diskussion im Verlauf

Fragwürdiges Rechtsverständnis

Beachtlich ist dabei vieles. Neben denjenigen, die mich am liebsten gleich zum Mond schießen würden, gibt es auch wenige Nutzer, die mir zustimmen. Die meisten aber konnten und wollten wohl nicht glauben, dass auch der Tatverdächtige ein korrektes Verfahren bekommen muss. Aber hey, kostet eh nur Zeit und Geld, viel einfacher wäre doch folgender Vorschlag: "Ich denke in solch einem Fall kann man sich die Verhandlung sparen. Er hat gestanden, er ist der Mörder, die Verurteilung könnte in ein paar Minuten erfolgen...".

"Die Welt" lenkt ein

An dieser Stelle könnte die Sache schon erledigt sein. Ich war naiv, zu glauben, dass mein Kommentar zum Nachdenken anregen könne - abgesehen von den wenigen Ausnahmen. Doch dann das: "Die Welt" aktualisiert ihren Vorspann, und weil die Kollegen nicht klammheimlich löschen (Respekt dafür!), lässt sich der Bearbeitungsverlauf noch immer einsehen.

Aus dem "Mörder" wurde ein "Mann" - die Kollegen hatten offenbar bemerkt, dass sie sich sehr weit aus dem Fenster gelehnt hatten. Dieser Umstand kam mir - wie soll ich sagen - tendenziell zupass. Und ja, nachdem, was ich alles über mich lesen musste, konnte ich mir einen kurzen Kommentar nicht verkneifen:

Teil zwei der Debatte

Danach ging es natürlich noch ein wenig weiter, der Vollständigkeit halber sei dies auch dokumentiert:

Was bleibt mir neben einer Tüte Chips? Die Erkenntnis, dass im Netz häufig keine Argumente zählen. Wusste ich zwar schon vorher, es aber selbst zu spüren, hatte eine andere Qualität. Und ich finde, dass "Die Welt" tolle Arbeit im Netz leistet, was sich schon wenig später wieder bestätigen sollte...

Ein neuer Beitrag der "Welt"