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Interview mit Konstantin Flemig

Konstantin Flemig, Jahrgang 1988, ist Journalist, Filmemacher und Autor. Der gebürtige Stuttgarter bringt das mit, was in seiner Branche selbstverständlich sein sollte – zuweilen aber auf der Strecke bleibt: einen wachen Geist. Eine Portion Chuzpe gehört aber auch dazu, denn seine jüngste Aktion mag nicht jedem schmecken. Flemig hat den Wikipedia-Eintrag von Swetlana Alexijewitsch frisiert – und das kurz nachdem bekannt wurde, dass die Weißrussin den Literaturnobelpreis erhalten wird. Die Schriftstellerin wurde mit einem Mal zur begeisterten Ornithologin…

Herr Flemig, wie kamen Sie auf die Idee, den Wikipedia-Eintrag zu ändern?

Ich nutze, wenn ich zu einem Thema recherchiere, selbst oft Wikipedia – ganz einfach, weil es sich dabei um eine hervorragende Quellensammlung handelt. Allein der Haupt-Eintrag zum sogenannten „Islamischen Staat“ ist mit Links zu fast 1.000 Artikel oder Fachaufsätzen unterfüttert. Wenn man also weiß, wie man die Wikipedia professionell nutzt, dann kann sie ein tolles Werkzeug sein. Leider wissen das offenbar nicht alle Journalisten, wie damals der Fall mit dem erfundenen Vornamen von Guttenberg gezeigt hat. Das ist nun ein halbes Jahrzehnt her – ich wollte sehen, ob sich seitdem herumgesprochen hat, dass man nicht einfach Informationen ohne zu Hinterfragen übernehmen darf.


Welche Reaktion haben Sie erwartet und wie sah es schließlich aus?

Ich wusste nicht einmal, wie lange der Fake unbemerkt im Wikipedia-Eintrag bleiben würde. Immerhin hatte ich ohne den Hauch einer Quelle behauptet, die frischgebackene Literaturnobelpreisträgerin sei nicht nur Journalistin und Autorin, sondern auch Ornithologin. Und tatsächlich, nach einer Stunde hatte irgendein mir unbekanntes englischsprachiges Newsportal die Geschichte 1:1 kopiert. Kurz darauf wurde der Eintrag in der Wiki gelöscht, eben aufgrund mangelnder Quellen. Um die ganze Sache auf die Spitze zu treiben, habe ich die Info erneut hinein editiert, doch diesmal mit Quelle – dem Newsportal, welches den Fake übernommen hatte! Es war also wirklich der klassische Zirkelschluss: Journalisten kopieren von Wikipedia, Wikipedia zitiert Journalisten, und von vorne. Im Laufe des Tages folgten noch einige News-Seiten aus der ganzen Welt, von Indien über Israel bis in die USA. Damit hatte ich sogar noch gerechnet. Was mich dann doch schockiert hat, war, dass sogar Yahoo! News auf meine Geschichte hereingefallen ist. Das darf einfach nichts sein! Das ist die meist besuchte Nachrichtenseite der Welt, wenn man reddit mal nicht mitzählt. Was dort steht lesen mehr Menschen als die Seite von CNN, der New York Times oder des Guardian! Und die denken jetzt möglicherweise, dass Svetlana Alexievich eine zweite Karriere als Vogelkundlerin hat...

 Flemigs prominentestes Opfer: Yahoo. Blind dem Wikipedia-Eintrag Glauben geschenkt.


Ein Internet ohne Wikipedia ist kaum vorstellbar – als seriöse Quelle ist die Seite aber mit Vorsicht zu genießen. Wie erklären Sie sich, dass dennoch einige Kollegen auf Ihren Scherz hereingefallen sind?

Mit einem Wort: Zeitdruck. Früher konnten Journalisten Informationen sammeln, sortieren, prüfen. Was dem stand hielt, schaffte es in die Zeitung. Heute passiert Journalismus nahezu in Echtzeit. Um 13 Uhr verkündet das Nobel-Komitee, wer den Preis bekommt, und wer um 13.10 noch keinen Artikel dazu parat hat, verliert Klicks, und damit bares Geld durch Werbekunden. Und dann kommt auch noch die ewige Medienkrise hinzu, Redaktionen werden kaputtgeschrumpft, weniger Journalisten müssen für weniger Geld mehr Arbeit leisten. Und wenn diese beiden Faktoren zusammenkommen - die Überlastung in vielen Medienhäusern und der immense Zeitdruck der digitalen Welt – dann leidet die Qualität zwangsläufig. Und genau das macht Journalismus heute anfällig für gezielte Manipulation.


Ist es als Journalist eigentlich vertretbar, bewusst eine Falschinformation auf diese Weise zu streuen?

Ich denke, das kommt auf die Falschinformation und auf die Motivation an, mit der sie gesät wurde. Es ist ernsthaft zu bezweifeln, dass jemand Schaden daran nimmt, wenn er oder sie glaubt, eine Schriftstellerin habe ein Faible für Ornithologie. Ich wollte mit der Aktion aber vor allem darauf hinweisen, wie leicht es ist, so etwas aufzuziehen. Ich bin nur ein einzelner Journalist, der ein bisschen Schabernack getrieben hat. Und trotzdem landete es auf der größten Nachrichtenseite der Welt. Was glauben Sie, könnte eine professionelle PR-Agentur alles anstellen? Oder ein Geheimdienst? Die englischsprachige Wikipedia lässt sich kinderleicht manipulieren, da ist die deutsche schon weiter. Heute wurde Svetlana Alexievich zur Vogelkundlerin, morgen ändert sich vielleicht die Liste der Länder, in die Heckler&Koch Sturmgewehre liefert.  Und übermorgen hat vielleicht ein russischer Oppositioneller Pädophilie-Gerüchte am Hals. Und genau da sehe ich den Journalismus in der Pflicht. Egal, wie hoch der Zeitdruck ist.


Die deutschen Medien stehen zurzeit in der Kritik wie selten zuvor – Stichwort: Lügenpresse. Oberflächliche Recherche ist dann Wasser auf die Mühlen der Kritiker. Sind die Anschuldigungen grundsätzlich gerechtfertigt?

Die Leute, die auf ihren Demos oder auf obskuren Facebookseiten gegen die „Lügenpresse“ hetzen, haben meist weder Ahnung, wie eine Redaktion funktioniert, noch, wie die Presselandschaft in Deutschland beschaffen ist. Für die sind die Medien ein Instrument, das irgendwelche dunkle Mächte für ihre Propaganda benutzen – die Regierung, CIA, Bilderberger, Echsenmenschen, suchen Sie sich etwas aus. Für diese Szene ist die deutsche Presse gleichgeschaltet, so vermeidet man zu große Anstrengungen beim Denken. Da gibt es dann keinen Unterschied mehr zwischen SPIEGEL, taz und Springerpresse, alle werden von „denen da oben“ kontrolliert. Die eigenen Informationen sucht man sich dort, wo sie dem persönlichen Weltbild entsprechen, sei es jetzt russisches Staatsfernsehen, KenFM oder gar irgendwelche Blogs oder Youtube-Videos. Und wenn dann eine Zeitung oder ein Sender tatsächlich einmal eine Fehlmeldung bringt – wie das ZDF mit dem falsch zugeordneten Video eines Hubschrauber-Abschusses – dann sehen diese Leute das als Bestätigung ihrer Vorurteile. Dass manchmal eben Fehler passieren lassen sie nicht gelten, denn in einer Verschwörungstheorie ist der Zufall ausgeschlossen. Gerade deswegen ist es wichtig, Quellen zu prüfen, lieber einmal zu viel als einmal zu wenig, und je brisanter der Inhalt, desto mehr Mühe muss man sich dabei geben. 

Journalist und Filmemacher Flemig im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Auch in gefährlichen Regionen unterwegs.

Sie gehen als Journalist auch dorthin, wo es richtig gefährlich ist, etwa nach Syrien oder in den Kongo. Andere Kollegen sitzen dagegen nur am Schreibtisch, erheben aber auch den Anspruch möglichst fair zu berichten. Kann das „aus der Ferne“ funktionieren?

Fairness ist für mich zuerst einmal eine Geisteshaltung, und die ist unabhängig vom Ort. Man kann auch an vorderster Front stehen und unfair berichten. Ich würde sagen: Fairness im Journalismus besteht darin, einen Konflikt von mehreren Seiten aus zu betrachten, bevor man sich ein Bild macht. Das ist oft schwer genug. Das heißt aber eben nicht, dass man als Journalist krampfhaft versuchen soll, zwei Seiten denselben Stellenwert zu geben. Wenn ich im Irak bin und über vergewaltigte jesidische Mädchen berichte, soll ich dann so tun, als hätte ich keine Haltung dazu? Wirklich neutral wäre, die Opfer ihre Geschichte erzählen zu lassen - und danach dürfen die IS-Völkermörder genauso lang erklären, wieso es aus ihrer Sicht in Ordnung ist, 12-Jährige als Sexsklavinnen zu verkaufen. Das kann doch nicht das Ideal von „fairem“ Journalismus sein. Haltung muss erlaubt sein, solange sie nicht in Einseitigkeit umschwingt. Und natürlich ist es wichtig, dass ein Medium Informationen aus erster Hand und von einer vertrauenswürdigen Quelle bezieht, und sich nicht nur auf Hörensagen verlässt. Dafür sind Reporter vor Ort unerlässlich. Leider werden die Bedingungen immer schwieriger – sicherheitstechnisch wie finanziell. Ich kenne hervorragende Fotografen, die wochenlang in Kriegsgebieten unterwegs waren – und die später pro abgedrucktem Foto in einer überregionalen Tageszeitung 30 Euro bekommen. Dass so etwas auf Dauer nicht funktionieren kann, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Es ist wieder das gleiche wie mit dem Wikipedia-Artikel: Qualitätsjournalismus braucht Zeit, und leider auch Geld. Und wenn eins von beiden, oder gar beide fehlen, braucht man sich nicht über die Folgen wundern.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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